15.–17. Jahrhundert
Legende von Anderl, Hinrichtungen
1462·Rinn (Tyrol)
Die Bilanz wird genau so wiedergegeben, wie die Quelle sie nennt — nie gerundet, nie mit einer anderen addiert. Die Bilanzen überschneiden sich von Ereignis zu Ereignis.
Ein Kind aus dem Weiler Rinn in Tirol soll durch die Hände durchreisender jüdischer Händler gestorben sein. Kein zeitgenössisches Dokument belegt den Vorfall: Die Erzählung taucht knapp zwei Jahrhunderte später in der Schrift eines Lokalgelehrten auf, versehen mit einem Namen — Andreas, „Anderl" — und einem Schauplatz.
Der Kult breitete sich anschließend aus: eine Kapelle, eine Wallfahrt, ein Gemälde mit der Darstellung der Szene, ein Fest im diözesanen Kalender. Er hielt sich, bis der Bischof von Innsbruck seine Begehung in den letzten Jahren des 20. Jahrhunderts untersagte und die Reliquien entfernen ließ — gegen den Widerstand eines Teils der Bevölkerung.
Rinn ist kein dokumentiertes Massaker, sondern die Erfindung eines Martyriums — und als solches führt es der Katalog: Die Legende diente jahrhundertelang dazu, andernorts reale Gewalt zu rechtfertigen.
- Zeitraum :
- 15.–17. Jahrhundert
- Art :
- Prozesse und Hinrichtungen
- Region :
- Westeuropa
- Land :
- Autriche
Dossier du culte d'« Anderl von Rinn » ; chroniques tyroliennes ; décisions du diocèse d'Innsbruck.